Datenintegration und APIs
August 24, 2026
5 Minuten

Wo im Krankenhaus die Arzneimitteldaten abreißen: die drei Übergaben zwischen KIS, Apotheke und Warenwirtschaft

In der Klinikkette liegt das Therapiewissen in einem System und die Handelsdaten in einem anderen. Dieser Beitrag zeigt die drei Übergabestellen zwischen Station, Apotheke und Warenwirtschaft, welche Datenart an jeder davon fehlt und woran die Anbindung praktisch scheitert.

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Inhaltsverzeichnis
    Zusammenfassung
    • Im Krankenhaus liegt das Therapiewissen im KIS und in den AMTS-Modulen, die Handelsdaten liegen in der Warenwirtschaft. Zwischen beiden verläuft die kritische Übergabe.
    • Drei Übergaben tragen die Kette: Station zu Apotheke, Apotheke zu Warenwirtschaft, Haus zu Lieferant. Nur die dritte ist standardisiert.
    • Die Engpass-Alternative mit tatsächlicher Verfügbarkeit ist in keiner der drei Systemklassen nativ vorhanden. Deshalb endet die Recherche am Telefon.
    • Die Abgabe an Stationen ist nach § 31 Absatz 1 ApBetrO an eine Verschreibung im Einzelfall oder eine schriftliche Anforderung gebunden, ausdrücklich auch in elektronischer Form. Die Rechtsform ist also gegeben, die Datentiefe nicht.
    • Die praktische Prüffrage ist nicht, ob ein System Schnittstellen hat, sondern welche Datenart über die konkrete Übergabe tatsächlich transportiert wird.

    Im Krankenhaus ist die Arzneimitteldatenlage genau umgekehrt zum Großhandel. Das Krankenhausinformationssystem und die daran hängenden AMTS-Module führen Interaktions-, Kontraindikations- und Dosierungswissen von Haus aus. Artikelstamm, Preisstände und Engpassmeldung führen sie nur teilweise. Die Klinikwarenwirtschaft führt es genau andersherum: Sie kennt Artikel, Bestände und Preise, aber keine therapeutische Alternative. Beide Hälften der Antwort existieren im Haus, sie liegen nur in verschiedenen Systemen.

    Dieser Beitrag richtet sich an Klinik-IT, Medizincontrolling und Softwarehäuser, die Kliniksysteme anbinden. Welche Datenbank eine krankenhausversorgende Apotheke beschaffen sollte, steht im Beitrag Datenanforderungen krankenhausversorgender Apotheken und wird hier nicht wiederholt. Hier geht es um die Übergaben dazwischen.

    Die drei Systemklassen und was sie nativ führen

    Die folgende Einordnung stammt aus einer Auswertung von neun Systemklassen. Für den Klinikbereich sind drei davon relevant.

    SystemklasseFührt nativFührt nur teilweiseFührt gar nicht
    KIS und AMTS-ModulInteraktion, Kontraindikation, Risikoprüfung, DosierungArtikelstamm, Preise, Engpassmeldung, Fach- und GebrauchsinformationEngpass-Alternative mit Verfügbarkeit, internationale Produktdaten, Zulassungsstatus je Land
    Klinikapotheken-SoftwareHausliste, Herstellung, Chargen, AbgabedokumentationArtikelstamm, EngpassmeldungEngpass-Alternative mit Verfügbarkeit, internationale Produktdaten
    KlinikwarenwirtschaftArtikelstamm, Bestand, Preise, BestellungRabatt- und Vertragsdatentherapeutische Alternative, AMTS-Wissen

    Die letzte Spalte ist die aufschlussreiche. Die Engpass-Alternative mit tatsächlicher Verfügbarkeit fehlt in allen drei Klassen. Sie fehlt auch in den sechs übrigen untersuchten Systemklassen. Das ist keine Nachlässigkeit der Hersteller: Diese Datenart setzt eine Basis voraus, die über die nationale Pflichtquelle hinausgeht, und die ist in keinem der Systeme Teil des Produkts.

    Übergabe 1: Station zu Apotheke

    Rechtlich ist diese Übergabe klar geregelt. Nach § 31 Absatz 1 ApBetrO dürfen Arzneimittel an Stationen nur auf Grund einer Verschreibung im Einzelfall oder einer schriftlichen Anforderung abgegeben werden, und die Vorschrift gilt für Verschreibungen und Anforderungen in elektronischer Form ausdrücklich entsprechend. Die elektronische Übergabe ist also nicht nur erlaubt, sie ist vorgesehen.

    Was an dieser Stelle trotzdem verloren geht, ist nicht die Anforderung selbst, sondern ihr Kontext. Die Station fragt ein Präparat an. Ob dieses Präparat auf der Hausliste steht, ob es lieferbar ist und welches gelistete Präparat therapeutisch gleichwertig wäre, entscheidet sich erst in der Apotheke. Die Rückmeldung an die Station läuft dann in vielen Häusern nicht über dasselbe System zurück, sondern per Telefon.

    Übergabe 2: Apotheke zu Warenwirtschaft

    Das ist die Übergabe mit dem größten Bruch, weil hier zwei verschiedene Datenwelten aufeinandertreffen. Die Apotheke denkt in Wirkstoff, Stärke und Darreichungsform. Die Warenwirtschaft denkt in Artikelnummer, Bestand und Preis. Der Übersetzungsschritt dazwischen ist der Artikelstamm, und er ist der Punkt, an dem die Aktualität des gesamten Hauses entschieden wird.

    Ein Artikelstamm, der in einem festen Zweiwochenrhythmus aktualisiert wird, ist die Obergrenze für die Aktualität aller darauf aufsetzenden Auswertungen. Wer eine laufend entstehende Engpassmeldung des BfArM mit einem solchen Stamm zusammenführt, erhält kein tagesaktuelles Bild, sondern ein gemischtes aus Daten unterschiedlichen Alters. Der langsamste Takt bestimmt das Ergebnis, nicht der schnellste.

    Übergabe 3: Haus zu Lieferant

    Das ist die einzige der drei Übergaben, für die es einen etablierten Standard gibt. Lieferbarkeitsabfrage und Bestellung laufen über MSV3, und dort ist die Strecke belastbar. Genau deshalb fällt der Kontrast zu den beiden anderen Übergaben so auf: Wo ein Standard existiert, funktioniert die Anbindung. Wo keiner existiert, wird jedes Herstellerpaar einzeln gebaut.

    ÜbergabeVerbindungsqualitätWas zuverlässig ankommtWas nicht ankommt
    Station zu Apothekeproprietär je Herstellerpaardie Anforderung selbstListenstatus, Lieferfähigkeit, gleichwertige Alternative
    Apotheke zu Warenwirtschaftproprietär, teils DateiaustauschArtikelnummer und MengeWirkstoffbezug, Engpassstatus, Substitutionsspielraum
    Haus zu Lieferantstandardisiert über MSV3Lieferbarkeit und Bestellungob eine Alternative existiert, wenn der Artikel nicht lieferbar ist

    Warum die Engpassrecherche trotzdem am Telefon endet

    Die drei Übergaben erklären zusammen einen Befund, der ohne sie widersprüchlich wirkt. In unserer Auswertung von 134 Verkaufsgesprächen mit Fachkreisen nennen 7 Gesprächspartner Telefon und Fax als aktuelles Mittel der Engpassprüfung, und 10 nennen Bestellbearbeitung per E-Mail oder Fax. Diese Häuser sind nicht schlecht ausgestattet. Sie haben ein KIS, eine Apothekensoftware und eine Warenwirtschaft.

    Der Grund ist strukturell: Die Frage „Was nehme ich stattdessen, und ist es lieferbar" berührt alle drei Systeme. Das therapeutische Urteil liegt im ersten, der Listenstatus im zweiten, die Verfügbarkeit im dritten, und die Antwort steht in keinem davon vollständig. Solange keine der beiden ersten Übergaben diese Datenart transportiert, ist das Telefon der schnellste verfügbare Integrationsweg. Das ist kein Prozessversagen, sondern eine rationale Reaktion auf eine Datenlücke.

    Vier Prüffragen für ein Anbindungsprojekt

    1. Welche Datenart soll über diese konkrete Übergabe laufen? Nicht „gibt es eine Schnittstelle", sondern welches Feld tatsächlich transportiert wird. Die meisten Schnittstellen im Klinikumfeld transportieren Identifikatoren und Mengen, nicht Beurteilungsgrundlagen.
    2. Welcher Takt gilt je Datenart? Engpassmeldung und Vertriebsstatus entscheiden über Handlungen am selben Tag. Ein Artikelstamm im Zweiwochenrhythmus kann sie nicht tragen.
    3. Wer ist bei Konflikten führend? Wenn zwei Systeme dasselbe Feld füllen, braucht es vorab eine Regel, sonst entsteht sie unausgesprochen und uneinheitlich.
    4. Was passiert, wenn kein Treffer entsteht? Ein Abgleich, der nur zwischen Treffer und Nichttreffer unterscheidet, verschenkt die Information, die den Nichttreffer beim nächsten Mal auflösen würde.

    pharmazie.com ist die konsolidierte Arzneimitteldatenplattform der DACON Datenbank Consulting GmbH, am Markt seit 1989. Sie vereint 25+ pharmazeutische Fachdatenbanken in einer einzigen Suche, der Eisbergsuche®. Zielgruppe sind ausschließlich Fachkreise im Gesundheitswesen. Der Fokus liegt auf DACH, die Arzneimitteldaten decken 50+ Länder ab. Die Daten werden täglich aktualisiert. Für die Klinikkette sind zwei Punkte relevant: Die Plattform setzt an genau der Datenart an, die in allen drei Systemklassen fehlt, also der wirkstoffgleichen Alternative mit Verfügbarkeit und den internationalen Produktdaten, und sie ist über die Oberfläche wie maschinenlesbar beziehbar. Die Wirkstoffdossiers umfassen 63.589 Wirk- und Hilfsstoffe.

    Wo die Grenze liegt

    Drei Klarstellungen. Erstens beschreibt diese Einordnung Systemklassen, keine konkreten Produkte: Was ein bestimmtes Haus tatsächlich kann, hängt von Version, Modulumfang und den vorhandenen Anbindungen ab. Zweitens ersetzt eine ergänzende Datenschicht keine der drei Systemklassen, sie füllt die Datenart, die in allen dreien fehlt. Drittens bleibt die therapeutische Entscheidung über eine Substitution in jedem Fall beim Fachpersonal, Daten verkürzen nur den Weg dorthin.

    Fazit

    Die Frage „Hat das System eine Schnittstelle" ist im Klinikumfeld fast immer mit Ja zu beantworten und fast immer die falsche Frage. Entscheidend ist, welche Datenart über die konkrete Übergabe läuft. Zwei der drei Übergaben in der Klinikkette transportieren heute Identifikatoren und Mengen, nicht die Beurteilungsgrundlage. Solange das so bleibt, wird die Engpassfrage im Krankenhaus weiter mündlich beantwortet.

    Weiterführend: Welche Arzneimitteldatenquelle in Ihrem System steckt für die Landkarte über alle neun Systemklassen, Arzneimitteldaten ins ERP bringen für das Integrationsmuster im ERP-Umfeld, und die MSV3-Übersicht für die dritte Übergabe im Detail.

    Wenn Sie prüfen möchten, welche Datenart in Ihrer Klinikkette an welcher Übergabe fehlt, vereinbaren Sie einen 30-minütigen Demotermin oder nehmen Sie Kontakt auf.

    Quellen

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    Ursula Tschorn
    Ursula Tschorn ist Geschäftsführerin der DACON DACON Datenbank Consulting GmbH und beschäftigt sich seit 1989 mit dem Aufbau pharmazeutischer Informationsinfrastrukturen. Sie schreibt über Standards für Arzneimitteldaten, Preisregulierung und Marktzugang in der DACH-Region.

    FAQ

    Welche Arzneimitteldaten liegen im Krankenhausinformationssystem nativ vor?
    Welche der Übergaben in der Klinikkette ist standardisiert?
    Warum reicht eine KIS-Schnittstelle für die Engpassfrage nicht aus?
    Warum läuft die Engpassrecherche im Krankenhaus oft noch telefonisch?
    Darf die Anforderung von der Station elektronisch erfolgen?
    Welche Datenart fehlt in allen Klinik-Systemklassen?
    Seit 1989 vertrauen über 1.000 Kunden auf unsere Daten.

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