Versorgung und Lieferengpässe
August 14, 2026
10 Min.

Arzneimittel nicht lieferbar: Wie Sie die Beschaffung über Auslandsquellen organisieren

Ist ein Arzneimittel in Deutschland nicht lieferbar, läuft in Handelsbetrieben immer dieselbe Kette ab: prüfen, ob schon jemand daran arbeitet, den Merkmalssatz klären, den deutschen Artikelstamm über Wirkstoff und Stärke absuchen und erst dann auf die internationalen Fertigarzneimittel umschalten. Der Beitrag beschreibt die Kette, die Felder, die eine Anfrage tragen, und den Organisationsfehler, der mehr kostet als jede Recherche.

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Inhaltsverzeichnis
    Zusammenfassung
    • Die Recherche beginnt nicht in der Datenbank, sondern im eigenen System: Liegt zum Artikel schon eine Anfrage oder eine gültige Kondition vor, ist die Kette beendet.
    • Ein Handelsname reicht als Ausgangspunkt nicht. Wirkstoff, Stärke, Darreichungsform und Menge gehören geklärt, solange die anfragende Stelle erreichbar ist.
    • Im deutschen Artikelstamm über Wirkstoff plus Stärke suchen und den Vertriebsstatus mitlesen: außer Vertrieb ist kein Treffer.
    • Erst danach auf die internationalen Fertigarzneimittel umschalten und Zulassungsland und Verkehrsfähigkeit prüfen.
    • Das Suchergebnis liefert das Land, daraus folgt der Lieferant. Preis und Lieferzeit stehen in keiner Datenbank, sie kommen aus der Anfrage.
    • Konditionen haben ein Verfallsdatum. Ohne dokumentierten Bearbeitungsstand fragen mehrere Personen denselben Lieferanten am selben Tag dasselbe.
    • Der Auslandsartikel hat keine PZN. Die Verknüpfung zum deutschen Bedarf entsteht über den Merkmalssatz, nicht über eine gemeinsame Nummer.

    Kurz vorweg: Wenn ein Arzneimittel in Deutschland nicht lieferbar ist, entscheidet nicht die Recherche über die Bearbeitungszeit, sondern die Organisation davor und danach. Die Kette hat vier Schritte: prüfen, ob im eigenen System schon etwas dazu läuft; den Merkmalssatz aus Wirkstoff, Stärke, Darreichungsform und Menge klären; den deutschen Artikelstamm über diesen Merkmalssatz absuchen und den Vertriebsstatus mitlesen; und erst dann auf die internationalen Fertigarzneimittel umschalten, um Zulassungsland und Verkehrsfähigkeit zu bestimmen. Preis und Lieferzeit stehen am Ende dieser Kette, nicht in ihr.

    Der Use-Case: ein Anruf löst eine Suchkette aus

    Der Auslöser ist fast immer derselbe. Eine Apotheke meldet sich, weil ein Präparat in Deutschland nicht zu bekommen ist, und fragt, ob es über eine Auslandsquelle beschaffbar wäre. Manchmal nennt die anfragende Stelle einen Handelsnamen, manchmal nur einen Wirkstoff, gelegentlich eine Beschreibung, die erst einmal einzuordnen ist.

    Was jetzt folgt, ist kein einzelner Datenbankaufruf, sondern eine Kette von Entscheidungen, die typischerweise in wenigen Minuten getroffen werden, oft während das Telefonat noch läuft. Und genau deshalb entstehen hier die teuren Fehler: nicht, weil eine Information fehlt, sondern weil ein Schritt übersprungen wird.

    Der zweite, oft unterschätzte Umstand: Solche Anfragen kommen nicht bei einer Person an, sondern bei mehreren gleichzeitig. Fällt ein Präparat in Deutschland aus, melden sich am selben Tag mehrere Kunden mit demselben Bedarf, und sie landen bei verschiedenen Ansprechpersonen. Ohne einen gemeinsamen Bearbeitungsstand gehen dann drei identische Anfragen an denselben Lieferanten.

    Schritt 1: Zuerst ins eigene System, nicht in die Recherche

    Kurzantwort: Liegt zum Artikel bereits eine Anfrage oder eine noch gültige Kondition vor, ist die Kette an dieser Stelle beendet.

    Die Reihenfolge ist der wichtigste einzelne Hebel im gesamten Prozess und zugleich der, der unter Zeitdruck als erstes gestrichen wird. Wer sofort recherchiert, produziert Doppelarbeit, die auf der Lieferantenseite sichtbar wird. Ein Lieferant, der dieselbe Anfrage dreimal an einem Tag bekommt, zieht daraus Schlüsse über die Organisation seines Gegenübers.

    Damit dieser Schritt funktioniert, muss der Eintrag im eigenen System drei Dinge tragen: den Bearbeitungsstand, also ob eine Anfrage läuft oder schon beantwortet ist; ein Datum, damit die Gültigkeit einer Kondition beurteilbar ist; und ein Kürzel, damit man die bearbeitende Person ansprechen kann, statt eine zweite Anfrage zu starten. Fehlt das Kürzel, bleibt nur der Neustart.

    Die Gültigkeitsdauer legt der Betrieb selbst fest, und sie unterscheidet sich sinnvollerweise nach Herkunft. Ware aus dem EU-Ausland verhält sich preislich anders als Ware aus Drittstaaten, bei denen Wechselkurs, Transport und Jahreswechsel stärker durchschlagen. Entscheidend ist weniger die konkrete Frist als die Tatsache, dass überhaupt eine dokumentiert ist. Eine Kondition ohne Datum ist keine Information, sondern eine Vermutung.

    Schritt 2: Den Merkmalssatz klären, solange jemand erreichbar ist

    Kurzantwort: Wirkstoff, Stärke, Darreichungsform und benötigte Menge. Ein Handelsname allein trägt die Suche nicht über die Grenze.

    Der Handelsname wird national vergeben. Dasselbe Produkt kann in einem anderen Land unter einem anderen Namen im Verkehr sein, und umgekehrt sagt ein bekannter Name nichts über die Stelle im Sortiment. Belastbar ist deshalb nur der Merkmalssatz.

    Die Menge gehört ausdrücklich dazu, und sie wird am häufigsten vergessen. Ein Treffer mit passendem Wirkstoff, aber einer Packung, die um eine Größenordnung zu klein ist, hilft niemandem und führt zu einer zweiten Runde. Genauso die Darreichungsform: Sublingualtablette, Kapsel und Injektionslösung sind verschiedene Produkte, auch wenn der Wirkstoff derselbe ist.

    Der praktische Rat ist banal und wird trotzdem selten befolgt: Diese Angaben klärt man, solange die anfragende Stelle noch am Telefon ist. Eine spätere Rückfrage per E-Mail kostet in der Regel einen ganzen Arbeitstag, in dem der Vorgang stillsteht.

    Schritt 3: Den deutschen Markt über den Wirkstoff prüfen, nicht über den Namen

    Kurzantwort: Über Wirkstoff und Stärke im Artikelstamm suchen und den Vertriebsstatus mitlesen. Ein Artikel außer Vertrieb ist kein Treffer.

    Bevor eine Auslandsquelle überhaupt sinnvoll ist, gehört der deutsche Markt vollständig geprüft. Die naheliegende Suche über den genannten Handelsnamen greift dabei zu kurz, weil sie wirkstoffgleiche Produkte anderer Anbieter übersieht. Der zuverlässige Weg führt über den Wirkstoff: von der bekannten Packung zum Wirkstoff, von dort in die Wörterbuchsuche und dann mit Wirkstoff und Stärke zurück in den Artikelstamm.

    Zwei Felder entscheiden über die Brauchbarkeit des Ergebnisses. Der Vertriebsstatus trennt die Artikel, die tatsächlich im Handel sind, von denen, die nur noch im Bestand geführt werden. Zeigt die Liste ausschließlich außer Vertrieb gesetzte Artikel, ist die deutsche Antwort negativ, und zwar belastbar negativ. Die Stärke muss exakt gesetzt sein: Eine Suche auf einen Wert, den es so nicht gibt, liefert keinen Treffer und wird leicht als Marktlücke fehlgedeutet.

    Am Ende dieses Schritts steht eine Aussage, die man einer anfragenden Stelle sagen kann: In Deutschland gibt es dazu nichts im Vertrieb. Diese Aussage ist der eigentliche Wert des Schritts, denn sie begründet alles, was danach kommt. Wie die Substitution innerhalb eines Marktes systematisch aufgebaut wird, behandelt der Beitrag zum Clustern von PZN zu austauschbaren Präparaten.

    Schritt 4: Auf die internationalen Fertigarzneimittel umschalten

    Kurzantwort: Denselben Merkmalssatz auf den internationalen Bestand anwenden, Zulassungsland ablesen und die Verkehrsfähigkeit prüfen.

    Erst jetzt wechselt die Suche den Bestand. Der Merkmalssatz bleibt derselbe, nur die Grundgesamtheit ändert sich. Das Ergebnis ist eine Liste von Produkten mit ihrem Zulassungsland, und daraus folgt die eigentlich gesuchte Information: nicht das Produkt, sondern das Land. Denn Lieferantenbeziehungen bestehen länderweise, meist ein bis drei je Land.

    Ein Detail entscheidet dabei über die Qualität der Anfrage: Eine Zulassung bedeutet nicht automatisch, dass das Produkt im betreffenden Land noch verkehrsfähig ist. Ein Eintrag kann eine gültige Zulassung ausweisen und gleichzeitig nicht mehr im Verkehr sein. Wer diesen Status nicht mitliest, schickt eine Anfrage los, die nur Zeit kostet.

    Der zweite Punkt ist ein Wirtschaftlicher: Bezugswege, die einmal etabliert sind, werden selten hinterfragt. Wer ein Präparat seit Jahren aus einem Drittstaat bezieht, prüft oft gar nicht mehr, ob es dasselbe Produkt inzwischen in einem EU-Land gibt. Der Blick in den internationalen Bestand deckt solche Alternativen auf, und innereuropäische Bezugswege sind häufig günstiger, weil Transport und Zoll entfallen. Die rechtlichen Voraussetzungen des Einzelimports beschreibt der Beitrag zu Ersatzware aus dem Nachbarland.

    Welche Felder eine Anfrage tragen

    FeldWofürQuelle
    WirkstoffKern des Merkmalssatzes, trägt über SprachgrenzenArzneimitteldaten
    Stärketrennt Produkte gleichen NamensArzneimitteldaten
    Darreichungsformtrennt Tablette, Kapsel, Lösung, SublingualformArzneimitteldaten
    Benötigte Mengeentscheidet, ob eine Packungsgröße überhaupt passtanfragende Stelle
    Vertriebsstatus Deutschlandbegründet, warum überhaupt im Ausland gesucht wirddeutscher Artikelstamm
    Zulassungslandbestimmt, welcher Lieferant angefragt wirdinternationale Fertigarzneimittel
    Verkehrsfähigkeit im Ziellandverhindert Anfragen auf nicht mehr gehandelte Produkteinternationale Fertigarzneimittel
    Anbieter oder Zulassungsinhaberhilfreich, aber nicht zwingend, für die Anfrageinternationale Fertigarzneimittel
    Interne ArtikelnummerWareneingang und Warenwirtschaft, ersetzt die fehlende PZNeigenes System

    Die letzte Zeile ist die unauffälligste und die folgenreichste. Ein Produkt, das es in Deutschland nicht gibt, hat keine Pharmazentralnummer, weil die PZN eine deutsche Packungsnummer ist. In der Praxis führt das dazu, dass Auslandsartikel unter einer eigenen internen Nummer geführt werden und keine Verbindung zum deutschen Bedarf tragen, aus dem sie entstanden sind.

    Das ist kein Fehler, sondern eine Konsequenz. Es bedeutet aber, dass die Brücke zwischen beiden Welten der Merkmalssatz ist und bleibt. Wer ihn im eigenen Stammsatz mitführt, also Wirkstoff, Stärke und Darreichungsform am Auslandsartikel dokumentiert, kann beim nächsten Ausfall desselben deutschen Präparats sofort anschließen. Wer nur den Handelsnamen speichert, beginnt die Kette von vorn.

    Datensteckbrief

    MerkmalAusprägung
    Deutscher BestandArtikelstamm mit PZN, Wirkstoff, Stärke, Darreichungsform, Packungsgröße, Anbieter, Vertriebsstatus
    Internationaler BestandProduktdaten aus 50+ Ländern mit Zulassungsland, Zulassungsstatus und Verkehrsfähigkeit
    SuchwegWirkstoffsuche im Wörterbuch, Rücksprung in den Artikelstamm, Umschalten auf die internationalen Fertigarzneimittel
    Lieferfähigkeit DeutschlandAbfrage über die MSV3-Client-Schnittstelle gegen die eigenen Lieferanten
    Nicht enthaltenPreis und Lieferzeit der Auslandsquelle, Konditionen, Zollabwicklung

    pharmazie.com ist die konsolidierte pharmazeutische Datenplattform der DACON Datenbank Consulting GmbH, die 25+ Fachdatenbanken in einer einzigen Suche bündelt, ausschließlich für Fachkreise im Gesundheitswesen. Diese Suche heißt Eisbergsuche®: Eine Eingabe läuft gleichzeitig über die Arzneimittel-Lexika, den deutschen Artikelstamm und die internationalen Produktdaten. Für die beschriebene Kette heißt das, dass Schritt 3 und Schritt 4 in derselben Oberfläche stattfinden und der Merkmalssatz beim Umschalten erhalten bleibt.

    Wo die Grenze liegt

    Drei Dinge leistet dieser Weg nicht, und sie gehören vor der Einführung ausgesprochen.

    Erstens beantwortet keine Datenbank, ob Ihr Lieferant im Zielland tatsächlich liefern kann, zu welchem Preis und in welcher Zeit. Diese drei Angaben entstehen ausschließlich in der Anfrage. Die Recherche verkürzt den Weg zur richtigen Anfrage, sie ersetzt sie nicht.

    Zweitens gibt es heute keinen automatischen Sprung von einer Nichtlieferbarkeit im deutschen Bestand in eine fertige Liste gleichwertiger Auslandsprodukte. Die Kette aus Wirkstoffsuche, Merkmalssatz und Umschalten auf den internationalen Bestand ist Handarbeit, wenn auch geordnete. Wer sie als festen Ablauf beschreibt, statt sie jeder Person einzeln zu überlassen, gewinnt den größten Teil der möglichen Zeitersparnis bereits heute.

    Drittens ersetzt der Beschaffungsweg keine rechtliche Prüfung. Ob ein im Ausland zugelassenes Arzneimittel im Einzelfall nach Deutschland gebracht werden darf, richtet sich nach den arzneimittelrechtlichen Voraussetzungen des Einzelimports und nicht nach der Verfügbarkeit einer Quelle. Das ist eine Frage für die verantwortliche Person im Betrieb, nicht für die Recherche.

    Fazit

    Die Auslandsbeschaffung bei Nichtlieferbarkeit ist kein Rechercheproblem, sondern ein Reihenfolgenproblem. Erst der eigene Bestand, dann der Merkmalssatz, dann der deutsche Markt mit Vertriebsstatus, dann der internationale Bestand mit Zulassungsland und Verkehrsfähigkeit. Preis und Lieferzeit stehen am Ende, nicht am Anfang.

    Wer diese vier Schritte als festen Ablauf dokumentiert und jede Anfrage mit Datum, Kürzel und Bearbeitungsstand versieht, spart mehr Zeit als durch jede Verbesserung der Suche selbst, und er kann jede Zusage begründen. Wenn Sie den Ablauf für Ihren Betrieb einmal gemeinsam durchgehen möchten, zeigen wir Ihnen die Suchwege am eigenen Sortiment: Demo buchen. Für wiederkehrende Listen statt Einzelanfragen ist der Beitrag zum länderübergreifenden Abgleich von Produktlisten der passende nächste Schritt.

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    Ursula Tschorn
    Ursula Tschorn ist Geschäftsführerin der DACON DACON Datenbank Consulting GmbH und beschäftigt sich seit 1989 mit dem Aufbau pharmazeutischer Informationsinfrastrukturen. Sie schreibt über Standards für Arzneimitteldaten, Preisregulierung und Marktzugang in der DACH-Region.

    FAQ

    Womit beginnt die Suche nach einer Auslandsquelle?
    Stehen Preis und Lieferzeit in den Daten?
    Warum reicht der Handelsname als Ausgangspunkt nicht?
    Warum hängt der Auslandsartikel nicht an einer PZN?
    Wie finde ich heraus, in welchem Land es das Präparat gibt?
    Wie lange sind eingeholte Konditionen brauchbar?
    Seit 1989 vertrauen über 1.000 Kunden auf unsere Daten.

    Die umfassendste Arzneimitteldatenbank für Fachkreise.