Arzneimittelpreise
July 24, 2026
7 Minuten

Biologika-Preise unter § 40c: Was seit dem 1. April 2026 wirklich passiert, mit Zahlen

Sie sehen anhand echter PharMonitor-Preisdaten, wie stark und wie schnell § 40c die Biologika- und Biosimilar-Preise bewegt hat, aufgeschlüsselt nach Phase und Wirkstoff.

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Inhaltsverzeichnis
    Zusammenfassung
    • § 40c gilt seit 1. April 2026, Apotheken müssen auf preisgünstigere Biosimilars wechseln, sofern kein Rabattvertrag und kein ärztlicher Sperrvermerk vorliegt.
    • Die Preise fielen schon vorher: minus 11,7 Prozent bei Biosimilars von September 2025 bis April 2026 (ca. minus 1,7 Prozent pro Monat).
    • Nach Inkrafttreten sprang das Tempo: minus 6,9 Prozent in zwei Wochen, hochgerechnet rund minus 14,7 Prozent pro Monat, etwa neunfach beschleunigt.
    • Am stärksten: Filgrastim (ca. minus 27 Prozent Biosimilars), Infliximab (über minus 25 Prozent), Adalimumab (Humira minus 14 bis minus 35 Prozent).
    • Alle Werte sind Listenpreise (Apo_Ek) aus dem PharMonitor, Erstattungspreise können durch Rabattverträge abweichen.

    Kurz gesagt: § 40c hat die Biologika- und Biosimilar-Preise nicht in Bewegung gebracht, er hat eine schon laufende Bewegung massiv beschleunigt. Die Apothekeneinstandspreise fielen bereits vor dem 1. April 2026, in den ersten zwei Wochen nach Inkrafttreten war die monatliche Rückgangsrate bei Biosimilars dann rund neunmal so hoch wie in den Monaten davor. Diese Analyse zeigt, wie stark, wie schnell und bei welchen Wirkstoffen, auf Basis der Preisdaten des pharmazie.com PharMonitor.

    Was ändert § 40c an den Biologika-Preisen?

    Die Regel selbst legt keine Preise fest. Sie verschiebt den Wettbewerb: Seit dem 1. April 2026 müssen Apotheken ein verordnetes Biologikum durch ein preisgünstigeres, austauschbares Produkt ersetzen, sofern kein Rabattvertrag greift und kein ärztlicher Sperrvermerk vorliegt. Damit entscheidet nicht mehr allein die Verordnung über den Absatz, sondern die Preisposition innerhalb der Austauschgruppe. Genau das erzeugt Preisdruck.

    Der rechtliche Rahmen in Kürze: Der G-BA hat mit § 40c der Arzneimittel-Richtlinie festgelegt, unter welchen Voraussetzungen der Austausch erfolgt.1 Wirkstoff, Wirkstärke und Darreichungsform müssen übereinstimmen, einschließlich des Behältnisses. Besteht ein Rabattvertrag der Krankenkasse, hat dieser Vorrang, sonst ist eines der vier preisgünstigsten Produkte abzugeben. Substitution erfolgt ausschließlich innerhalb der vom G-BA definierten Austauschgruppen (Anlage VIIa). Ärzte können den Austausch aus medizinischen Gründen ausschließen. Der Beschluss wurde am 4. Dezember 2025 gefasst, am 27. Februar 2026 im Bundesanzeiger veröffentlicht und gilt seit dem 1. April 2026.1

    Der Markt reagierte früher als die Regulierung

    Die Preise begannen nicht erst am 1. April zu fallen. Das formale G-BA-Beratungsverfahren zu § 40c wurde bereits am 11. Juni 2025 eingeleitet.2 Die Branche wusste also seit Monaten, dass die Substitutionspflicht kommt, offen waren nur die finalen Parameter. Der früheste ausgewertete Datenpunkt vom 1. September 2025 fällt damit mitten in einen bereits laufenden Anpassungsprozess. Er zeigt einen Ausschnitt einer schon eingesetzten Preisbewegung, nicht deren Startpunkt.

    Zwei Phasen, sehr unterschiedliche Geschwindigkeit

    Die entscheidende Erkenntnis liegt im Tempo. Die Preisbewegung lässt sich in zwei Phasen trennen: eine graduelle Anlaufphase vor dem Inkrafttreten und einen scharfen Sprung danach.

    Phase 1: 1. September 2025 bis 1. April 2026, graduell

    Für die 213 Biosimilar-PZN-Paare, die in beiden Snapshots enthalten waren, ergibt sich ein ungewichteter Durchschnitt von minus 11,7 Prozent über sieben Monate, also etwa minus 1,7 Prozent pro Monat. Bei rund 95 Prozent dieser Produkte war der Preis rückläufig. Original-Biologika (179 Paare) zeigten mit minus 5,7 Prozent einen geringeren, aber ebenfalls breiten Rückgang (92 Prozent der Produkte). Die Bewegung war real, aber ohne Hektik: Der Markt preiste die absehbare Regel ein.

    Phase 2: 1. April bis 15. April 2026, scharf beschleunigt

    Das erste Preis-Update nach Inkrafttreten dokumentiert einen deutlichen Tempowechsel. In den ersten zwei Wochen nach dem 1. April verzeichneten 229 Biosimilar-PZN-Paare einen Durchschnittsrückgang von minus 6,9 Prozent, hochgerechnet etwa minus 14,7 Prozent pro Monat. Der Rückgang war noch breiter angelegt, bei rund 98 Prozent der Produkte. Bei Original-Biologika (238 Paare) lag der durchschnittliche Rückgang bei minus 3,5 Prozent, Preise änderten sich bei rund 97 Prozent.

    Der zentrale Befund: Die monatliche Veränderungsrate ist in Phase 2 rund neunmal höher als in Phase 1. § 40c hat keine neue Bewegung ausgelöst, aber die bestehende dramatisch beschleunigt. Das Inkrafttreten war kein Signal für die Zukunft mehr, sondern Auslöser für sofortige Neupositionierungen.

    KennzahlPhase 1 (Sep 2025 bis Apr 2026)Phase 2 (1. bis 15. Apr 2026)
    Biosimilars, Durchschnittminus 11,7 % (7 Monate)minus 6,9 % (2 Wochen)
    Biosimilars, pro Monatca. minus 1,7 %ca. minus 14,7 % (hochgerechnet)
    Anteil fallender Biosimilarsca. 95 %ca. 98 %
    Original-Biologika, Durchschnittminus 5,7 %minus 3,5 %
    Ausgewertete Biosimilar-PZN-Paare213229

    Alle Werte sind ungewichtete Durchschnitte über identische PZN-Paare, jedes Paar zählt gleich, unabhängig vom Umsatz.

    Wo die Bewegung am stärksten ist: drei Wirkstoffe

    Filgrastim (G-CSF)

    Im G-CSF-Segment liegt der ungewichtete Durchschnitt über alle analysierten Biosimilar-PZN-Paare in Phase 1 bei rund minus 27 Prozent. Auch das Referenzpräparat Neupogen (Amgen) verzeichnete Rückgänge von rund 50 Prozent. Ein reifer Wettbewerb trifft hier auf zusätzlichen Regelungsdruck.

    Infliximab

    Bei den TNF-Inhibitoren zeigt sich das Grunddilemma der Preisstrategie. Infliximab-Biosimilars wie Remsima gaben in Phase 1 um mehr als 25 Prozent nach, das Original Remicade blieb stabil. Das trägt kurzfristig, doch mit geltender Substitutionspflicht verliert ein Originator ohne Rabattvertrag bei jeder nicht gesperrten Verordnung Marktanteile.

    Adalimumab

    Adalimumab, der weltweit umsatzstärkste biopharmazeutische Wirkstoff,4 zeigt ein anderes Muster. Hier gaben Humira (minus 14 bis minus 35 Prozent) und Biosimilars wie Yuflyma gleichermaßen nach. In einem gesättigten Wettbewerbsumfeld nivellieren sich die Listenpreise auf beiden Seiten.

    Was bedeutet das für die einzelnen Marktteilnehmer?

    Apotheken

    Mit § 40c ist die Substitutionsentscheidung in die Offizin gewandert und fällt faktisch täglich neu. Wer tagesaktuell weiß, welche Produkte als austauschbar eingestuft sind, welche Rabattverträge gelten und wie sich Listenpreise entwickeln, kann rechtssicher und wirtschaftlich handeln.

    Arzneimittelhersteller

    Für Original- und Biosimilar-Anbieter steigt der Wettbewerbsdruck. Die neunfach höhere monatliche Veränderungsrate in Phase 2 zeigt, wie schnell sich der Markt nach Inkrafttreten neu justiert. Wer Preisentscheidungen auf Basis veralteter Daten trifft, verliert Boden, historische Preisverläufe und Marktübersichten werden zur Pflicht für Portfolio- und Wettbewerbsanalysen.

    Pharmazeutischer Großhandel

    Substitution, Rabattverträge und Preisänderungen wirken unmittelbar auf Bestellmengen und Lagerhaltung. Besonders relevant ist das aktive Bestandsmanagement: Bei erwarteten Preissenkungen, wie sie im Vorfeld von § 40c bereits zu beobachten waren, entsteht ein konkretes Risiko von Warenwertverlusten. Produkte, die zu höheren Einstandspreisen eingekauft wurden, verlieren kurzfristig an Wert. Die Konsequenz: Preisentwicklungen antizipieren und Bestände über frühzeitigen Abverkauf oder angepasste Bestellstrategien steuern.

    Krankenkassen

    Das WIdO schätzt das jährliche Einsparpotenzial durch verpflichtenden Biosimilar-Einsatz auf bis zu 2,33 Milliarden Euro.3 Die beobachteten Listenpreisbewegungen deuten auf reale Marktdynamik hin. Zugleich steigt der Bedarf an datenbasierter Steuerung, etwa bei Rabattverträgen für Biologika und der Bewertung von Kostenentwicklungen.

    Wie sind diese Zahlen entstanden?

    Grundlage sind die Preisdaten des pharmazie.com PharMonitor.5 Verglichen wurde die Spalte Apo_Ek (Apothekeneinstandspreis, der Preis, zu dem Apotheken beim Großhandel oder Hersteller einkaufen), gefiltert auf biotechnologisch hergestellte Fertigarzneimittel. Für alle Zeitvergleiche wurden identische PZN-Paare über die Delta-Snapshots vom 1. September 2025, 1. April 2026 und 15. April 2026 gebildet. Wichtig: Alle Werte beruhen auf Listenpreisen, nicht auf tatsächlichen Erstattungspreisen. Rabattverträge können erheblich abweichen.

    Einzelne Extremwerte gehören eingeordnet. Ein Pegfilgrastim-Biosimilar (Ziextenzo) zeigte im April-Datensatz einen scheinbaren Anstieg von rund 200 Prozent. Die Preishistorie relativiert das: Das Produkt schwankte bereits zuvor stark, zwischen rund 269 Euro (Januar 2026) und 800 Euro (April 2026). Solche Sprünge sind nicht typisch für die Marktentwicklung, sondern deuten auf Sondersituationen hin, etwa EU-weit ausgeschriebene Open-House-Verträge. Dieser Wert floss deshalb nicht in die Analyse ein.

    Fazit

    Der Markt für Biologika und Biosimilars bewegte sich bereits, als § 40c in Kraft trat, doch das Inkrafttreten hat das Tempo verneunfacht. Was vorher graduell und antizipatorisch war, ist jetzt operativ und unmittelbar. Wer in diesem Umfeld fundiert entscheiden will, braucht tagesaktuelle Daten in Kombination: Listenpreise, Rabattverträge und Austauschbarkeitsstatus. Genau diese Kombination liefert der pharmazie.com PharMonitor, mit Preisverläufen, Segment-Analysen und tagesaktuellen Werten.

    Quellen

    • 1 Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA): Beschluss zur Ergänzung der Arzneimittel-Richtlinie § 40c, 4. Dezember 2025; Bundesanzeiger 27. Februar 2026 (BAnz AT 27.02.2026 B3).
    • 2 G-BA: Zusammenfassende Dokumentation, Unterausschuss Arzneimittel, Einleitung Stellungnahmeverfahren § 40c, 11. Juni 2025.
    • 3 Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO): Biosimilars, Einsparpotenziale durch stärkere Nutzung.
    • 4 IQVIA Institute for Human Data Science: The Global Use of Medicines 2023, Outlook to 2027, 2023.
    • 5 pharmazie.com PharMonitor: Apothekeneinstandspreise (Spalte Apo_Ek), Delta-Snapshots 1. September 2025, 1. April 2026 und 15. April 2026, interne Auswertung.
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    Ursula Tschorn
    Ursula Tschorn ist Geschäftsführerin der DACON DACON Datenbank Consulting GmbH und beschäftigt sich seit 1989 mit dem Aufbau pharmazeutischer Informationsinfrastrukturen. Sie schreibt über Standards für Arzneimitteldaten, Preisregulierung und Marktzugang in der DACH-Region.

    FAQ

    Was löst § 40c bei den Biologika-Preisen konkret aus?
    Bei welchen Wirkstoffen ist der Preisrückgang am stärksten?
    Warum fielen die Preise schon vor dem 1. April 2026?
    Beziehen sich die Zahlen auf Listen- oder Erstattungspreise?
    Um wie viel Prozent sind Biosimilars seit September 2025 gefallen?
    Was gilt bei der Substitution nach § 40c, und wann greift ein Rabattvertrag?
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