Executive Summary: Die Neukalibrierung der pharmazeutischen Distribution
Die deutsche Gesundheitswirtschaft und insbesondere der pharmazeutische Großhandel befinden sich in einer Phase fundamentaler Transformation. Was über Jahrzehnte als unumstößliches Paradigma galt – die jederzeitige Verfügbarkeit aller zugelassenen Arzneimittel innerhalb weniger Stunden – ist durch die geopolitischen und ökonomischen Verwerfungen der 2020er Jahre dauerhaft erschüttert worden. Die „Just-in-Time“-Logistik, einst der Stolz der Branche, ist zur Achillesferse der Versorgungssicherheit geworden. Lieferengpässe sind keine singulären Störfälle mehr, sondern ein strukturelles Merkmal des Marktes, getrieben durch die extreme Konsolidierung der Wirkstoffproduktion in Asien, den ökonomischen Preisdruck durch Festbetragssysteme und die Fragilität globaler Lieferketten.
Für den vollversorgenden Pharma-Großhandel (Full-Line Wholesaler) ergibt sich daraus eine paradoxe Situation: Während der gesetzliche Sicherstellungsauftrag gemäß § 52b AMG durch das Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG) verschärft wurde, schwindet die faktische Kontrolle über die Warenverfügbarkeit.3 Der Großhändler wird zunehmend vom reinen Logistikdienstleister zum Mangelverwalter und Informationsbroker. In diesem neuen Ökosystem wird Datenverfügbarkeit zur kritischen Ressource, die über operative Effizienz, juristische Compliance und die Wettbewerbsposition gegenüber der Apotheke entscheidet.
Dieser Forschungsbericht analysiert auf über 20 Seiten die Notwendigkeit einer spezialisierten Lieferengpass Datenbank für pharma Großhandel. Er beleuchtet die Diskrepanz zwischen behördlichen Meldewegen (BfArM) und den operativen Anforderungen der Hochfrequenzlogistik und zeigt auf, wie integrierte Datenlösungen von Anbietern wie pharmazie.com die Lücke zwischen regulatorischem Anspruch und logistischer Wirklichkeit schließen. Durch die Integration veredelter ABDA-Daten, Informationen zu Rabattverträgen und internationalen Verfügbarkeiten in die Warenwirtschaftssysteme (ERP) können Großhändler nicht nur ihre Prozesskosten senken, sondern auch ihre Rolle als unverzichtbarer Partner der Apotheke in Krisenzeiten neu definieren.
2. Die Makroökonomie des Mangels: Ursachen und Status Quo
2.1 Die Erosion der Versorgungssicherheit
Um die Dringlichkeit einer digitalen Lösung zu verstehen, muss man die Tiefe der Krise begreifen. Die Versorgungslage in Deutschland hat sich seit der Jahrtausendwende drastisch verändert. Während früher Patentabläufe zu einem gesunden Wettbewerb mehrerer europäischer Hersteller führten, hat der Kostendruck im generischen Sektor – forciert durch Rabattverträge nach § 130a SGB V und Festbetragsregelungen – zu einer massiven Marktbereinigung geführt.
Die Produktion von Wirkstoffen (Active Pharmaceutical Ingredients – APIs) und teilweise auch der Fertigarzneimittel hat sich auf wenige Standorte in China und Indien verlagert. Schätzungen gehen davon aus, dass bei bestimmten Antibiotika-Wirkstoffen (z.B. Cephalosporine) weltweit nur noch eine Handvoll Fabriken existieren. Fällt eine dieser Produktionsstätten durch technische Mängel, Umweltauflagen oder politische Lockdowns aus, bricht die Versorgung global zusammen. Dieser „Bullwhip-Effekt“ (Peitscheneffekt) in der Lieferkette trifft den deutschen Markt oft zeitverzögert, aber mit voller Wucht.
Die Statistik des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) verzeichnete in den Jahren 2023 und 2024 hunderte von meldepflichtigen Lieferengpässen.7 Doch diese Zahlen sind nur die Spitze des Eisbergs. Sie erfassen nur die gemeldeten Engpässe bei versorgungsrelevanten Wirkstoffen. Für den Großhandel, der ein Sortiment von über 100.000 Artikeln vorhält (Long Tail), sind auch die tausenden „kleinen“ Engpässe relevant, die in keiner Bundesstatistik auftauchen, aber täglich Arbeitszeit im Kundenservice binden und Apothekenkunden verärgern.
2.2 Die operative Realität im Großhandel
Der vollversorgende pharmazeutische Großhandel in Deutschland (repräsentiert durch den PHAGRO) steht im Zentrum dieses Sturms. Seine Kernkompetenz – die Bündelung der Bestellungen von rund 17.500 Apotheken und die Belieferung mehrmals täglich – basiert auf der Annahme, dass Ware beschaffbar ist. Diese Annahme gilt nicht mehr uneingeschränkt.
In Spitzenzeiten der Krise (z.B. Winter 2022/2023, Antibiotika-Krise) konnte teilweise jede zweite Bestellung der Industrie an den Großhandel nicht vollständig bedient werden.8 Dies löst eine Kette von Ineffizienzen aus:
- Dispositionsaufwand: Einkäufer müssen manuell nach Alternativen suchen, Restbestände bei Nischenanbietern anfragen oder Importmöglichkeiten prüfen.
- Lagerlogistik: Teillieferungen und Nachsendungen erhöhen die Anzahl der Wareneingangsbuchungen und Einlagerungsvorgänge massiv, ohne dass der Umsatz steigt.
- Kundenservice: Das Telefonaufkommen im Vertriebsinnendienst explodiert. Apotheker fragen nicht mehr „Was kostet das?“, sondern „Habt ihr noch irgendetwas mit Wirkstoff XY?“.
- Reputation: Kann der Großhändler nicht liefern und – schlimmer noch – keine verlässliche Auskunft geben, wann Ware kommt, verliert er das Vertrauen der Apotheke. In einem Markt mit geringen Margen und hohem Wettbewerb ist dies fatal.
Diese operative Last wird durch die bestehende Margenstruktur (Arzneimittelpreisverordnung) nicht kompensiert. Der Großhandel erhält eine fixe Marge, unabhängig davon, ob er eine Packung einfach durchleitet oder ob er für diese Packung drei Stunden Rechercheaufwand betreiben musste.8 Hier liegt der ökonomische Hebel für eine Lieferengpass Datenbank für pharma Großhandel: Nur durch radikale Automatisierung des Informationsflusses lassen sich die Prozesskosten so weit senken, dass das Engpass-Management nicht zur Profitabilitätsfalle wird.
3. Der regulatorische Imperativ: Das ALBVVG und seine Folgen
Mit dem Inkrafttreten des Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetzes (ALBVVG) im Juli 2023 hat der Gesetzgeber den Handlungsdruck auf den Großhandel signifikant erhöht. Das Gesetz ist nicht nur eine Reaktion auf die Krise, sondern verschiebt die Verantwortung für die Abfederung von Engpässen stärker auf die Lagerhalter in der Lieferkette.
3.1 Neufassung des Sicherstellungsauftrags (§ 52b AMG)
Das Herzstück der Regulierung für den Großhandel ist § 52b des Arzneimittelgesetzes (AMG). Traditionell verpflichtete dieser Paragraf zur „bedarfsgerechten und kontinuierlichen Belieferung“. Das ALBVVG hat diese Pflichten konkretisiert und verschärft.
| Bereich | Bisherige Anforderung | Neue Anforderung durch ALBVVG & § 52b AMG | Auswirkung auf Datenbedarf |
| Lagerreichweite | Durchschnittsbedarf von 2 Wochen (implizit/Branchenstandard) | Gesetzliche Fixierung auf min. durchschnittlichen 2-Wochen-Bedarf; für bestimmte Gruppen 4 Wochen | Exakte Berechnung des „durchschnittlichen Bedarfs“ pro PZN notwendig; dynamische Anpassung bei saisonalen Schwankungen. |
| Bevorratung | Allgemein | Spezifische Pflichten für intensivmedizinische & rabattierte Arzneimittel (Pufferfunktion) | Identifikation von „Bevorratungsartikeln“ in den Stammdaten erforderlich. |
| Meldewesen | Reaktiv bei Ausfall | Proaktives Frühwarnsystem (§ 52b Abs. 3g); Datenlieferung an BfAr | Automatisierte Ausleitung von Lagerbestandsdaten; Abgleich mit BfArM-Kriterien. |
Für den Großhandel bedeutet dies: Compliance ist kein „Nice-to-have“ mehr, sondern eine harte Bedingung für die Betriebserlaubnis. Wer nicht nachweisen kann, dass er die vorgeschriebenen Mengen vorhält oder dass die Nicht-Bevorratung auf externe Gründe (Hersteller-Defekt) zurückzuführen ist, gerät ins Visier der Aufsichtsbehörden.
Um diesen Nachweis zu führen, benötigt der Großhandel eine lückenlose Historie der Verfügbarkeit. Er muss sagen können: „Am 12. Februar konnte ich nicht bevorraten, weil der Hersteller laut Datenbank ‚Defekt‘ gemeldet hatte.“ Eine statische Excel-Liste reicht hierfür nicht aus. Es bedarf einer revisionssicheren Datenbanklösung, wie sie professionelle Anbieter bereitstellen.
3.2 Das Frühwarnsystem und die Datenlücke (§ 52b Abs. 3g AMG)
Das ALBVVG etabliert ein Frühwarnsystem beim BfArM zur Erkennung drohender versorgungsrelevanter Engpässe. Die Intention ist gut, die Umsetzung jedoch komplex. Das System ist auf Dateninput angewiesen – unter anderem von den Großhändlern.
Hier entsteht ein Konflikt: Der PHAGRO (Verband des pharmazeutischen Großhandels) warnt davor, dass Lagerbestandsdaten des Großhandels allein kein valider Indikator sind. Ein leeres Großhandelslager ist das Ergebnis eines Engpasses, nicht dessen Ursache. Zudem sind Lagerdaten hochsensible Wettbewerbsinformationen.
Für den einzelnen Großhändler bedeutet die Teilnahme am Frühwarnsystem vor allem IT-Aufwand. Er muss Schnittstellen schaffen, die Bestandsdaten melden. Gleichzeitig – und das ist für die eigene Strategie viel wichtiger – muss er die Ergebnisse des Frühwarnsystems (welche Wirkstoffe sind gefährdet?) in seine eigene Einkaufsplanung integrieren. Wenn das BfArM warnt, dass Tamoxifen knapp wird, muss der Einkaufsalgorithmus des Großhändlers sofort reagieren und die Parameter für die Bevorratung von Alternativpräparaten anpassen. Dies erfordert eine bidirektionale Datenintegration, die weit über das manuelle Checken von Webseiten hinausgeht.
3.3 Die Problematik der „unechten“ Engpässe
Ein Spezifikum des deutschen Marktes sind „unechte“ Engpässe, die durch Rabattverträge entstehen. Ware ist physikalisch im Markt (z.B. von Hersteller B), aber für die GKV-Versicherten der Kasse Y faktisch gesperrt, weil Hersteller A den Rabattvertrag hat und nicht liefern kann.
Das ALBVVG hat die Austauschregeln für Apotheken in solchen Fällen zwar gelockert (einfacherer Austausch gegen Nicht-Rabattpartner bei Nichtverfügbarkeit), doch die operative Abwicklung bleibt komplex. Der Großhandel muss wissen:
- Welcher Artikel ist der vertragliche Primärartikel?
- Ist dieser „defekt“?
- Welche Alternativen sind jetzt rechtssicher abgabefähig (aut idem)?
Diese Logik – die Verknüpfung von Verfügbarkeitsstatus mit juristischem Erstattungsstatus – leistet keine rein logistische Datenbank. Hier schlägt die Stunde spezialisierter pharmazeutischer Datendienste wie pharmazie.com, die den ABDA-Artikelstamm (Preise, Verträge) mit Verfügbarkeitssignalen kombinieren.13
4. Die Anatomie der Datenlandschaft: Öffentlich vs. Kommerziell
Die Entscheidung für eine Datenquelle ist eine strategische Weichenstellung. Großhändler stehen vor der Wahl: Nutzung kostenloser öffentlicher Daten und interner Veredelung („Make“) oder Lizenzierung professioneller Datenpakete („Buy“). Eine detaillierte Analyse zeigt, warum „Make“ oft die teurere Variante ist.
4.1 Öffentliche Quellen: Das BfArM-Portal
Das BfArM betreibt eine öffentliche Datenbank für Lieferengpassmeldungen.
- Charakteristik: Fokus auf meldepflichtige, versorgungsrelevante Arzneimittel.
- Datenformat: Web-Interface, CSV-Download, teilweise XML.
- Aktualität: Abhängig von der Meldemoral der pharmazeutischen Unternehmer (pU). Oft Zeitverzögerung zwischen Marktrealität und behördlicher Listung.
Limitierungen für den Großhandel:
- Keine PZN-Scharfe Logik: Meldungen erfolgen oft auf Wirkstoff- oder Darreichungsform-Ebene. Der Großhandel disponiert aber PZNs. Die Übersetzung („Wirkstoff X fehlt“ -> „Welche 50 PZNs betrifft das?“) muss manuell erfolgen.
- Fehlende Kontextdaten: Keine Information zu Preisen, Rabattverträgen oder Importfähigkeit.
- Unvollständigkeit: Nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel (OTC) oder Nischenprodukte sind oft nicht enthalten, obwohl sie für die Apothekenbelieferung relevant sind.
4.2 Kommerzielle Lösungen: Das Ökosystem von pharmazie.com
Im Kontrast dazu stehen integrierte Lösungen wie die von pharmazie.com. Diese aggregieren Daten aus verschiedenen Quellen (ABDA, GKV-Spitzenverband, Hersteller, eigene Redaktion) zu einem konsistenten Datensatz.
4.2.1 Die ABDA-Datenbank als Fundament
Die Basis bildet der ABDA-Artikelstamm, die „Single Source of Truth“ für den deutschen Apothekenmarkt.
- PZN-Präzision: Jeder Datensatz hängt an der eindeutigen Pharmazentralnummer. Dies ermöglicht eine 1:1-Integration in das ERP-System des Großhandels.
- Status-Kennzeichen: Artikel tragen Kennzeichen wie „Außer Vertrieb“ (AV), „Nicht verkehrsfähig“ (NV) oder „Rückruf“. Diese Statusänderungen sind oft die ersten Vorboten eines langfristigen Engpasses. Wenn ein Hersteller ein Produkt „AV“ setzt, wird es nie wieder kommen. Das BfArM listet dies oft gar nicht als Engpass, sondern das Produkt verschwindet einfach. Für den Großhandel ist diese Unterscheidung (temporärer Engpass vs. Marktaustritt) essenziell für die Bestandsbereinigung.
4.2.2 Die Lauer-Taxe Logik
Für die Kommunikation mit der Apotheke ist entscheidend, was in der „Lauer-Taxe“ steht (die Standard-Software in 90% der Apotheken).
- Synchronisation: Wenn der Großhändler die gleichen Daten nutzt wie die Apotheke (via pharmazie.com Lizenzierung), sprechen beide vom Gleichen.
- Preishistorie: pharmazie.com bietet historische Preisdaten. Preiserhöhungen können auf Verknappung hindeuten; Preissenkungen auf Abverkauf vor Marktaustritt. Diese Signale können für prädiktive Analysen genutzt werden.
4.2.3 Das Modul „Internationale Fertigarzneimittel“
Ein oft unterschätztes Feature im Kontext von Lieferengpässen ist der Einzelimport nach § 73 Abs. 3 AMG. Wenn ein lebenswichtiges Medikament in Deutschland fehlt, darf die Apotheke es importieren. Der Großhandel kann hier als Logistikpartner (Beschaffung über internationale Partner) agieren.
Dazu muss er aber wissen:
- Gibt es das Präparat in Frankreich oder Spanien?
- Wie heißt es dort?
- Ist die Zusammensetzung identisch?
Die Datenbank „Internationale Fertigarzneimittel“ von pharmazie.com liefert genau diese Informationen. Sie ermöglicht dem Großhandel, proaktiv Importlösungen anzubieten, anstatt nur „nicht lieferbar“ zu melden. Dies ist ein massiver Mehrwert für spezialisierte Großhändler und Importeure.
5. Technische Integration: Von der Datensilo zur Prozessautomatisierung
Der Besitz der Daten ist wertlos ohne deren Integration. Die IT-Landschaft im deutschen Pharmagroßhandel ist heterogen, geprägt von monolithischen ERP-Systemen (oft basierend auf SAP, Microsoft Dynamics oder stark individualisierten Branchenlösungen wie IWS). Die Integration einer externen Lieferengpass Datenbank muss daher flexibel und robust sein.
5.1 Schnittstellen-Architektur (API vs. Batch)
pharmazie.com und vergleichbare Anbieter stellen Daten in der Regel auf zwei Wegen bereit:
- Web Services (REST/SOAP API):
- Funktionsweise: Das ERP-System sendet eine Anfrage in Echtzeit („Status PZN 1234567?“) und erhält sofort eine Antwort.
- Use Case: Telesales/Call-Center. Ein Apotheker ist am Telefon. Der Mitarbeiter gibt die PZN ein, das System zieht live den aktuellen Status und Alternativvorschläge aus der externen Datenbank.
- Vorteil: Höchste Aktualität.
- Nachteil: Abhängigkeit von Internetverbindung und Serverantwortzeiten.
- Bulk Data Transfer (FTP/Download):
- Funktionsweise: Regelmäßiger Download des gesamten Datensatzes oder von Delta-Files (nur Änderungen) z.B. im CSV- oder XML-Format. Import in die lokale Datenbank des Großhändlers.
- Use Case: Massendatenverarbeitung im Einkauf, automatische Bestellvorschlagslisten, Webshop-Backend.
- Vorteil: Hohe Performance bei internen Abfragen, Unabhängigkeit von externer Verfügbarkeit im operativen Betrieb.
- Nachteil: Daten sind so alt wie das letzte Update (z.B. täglich oder 14-tägig).
Für das Lieferengpass-Management empfiehlt sich eine hybride Strategie: Stammdaten (welcher Artikel ist austauschbar?) kommen per Bulk-Update. Statusdaten (ist der Artikel jetzt lieferbar?) werden, wo möglich, live oder in hochfrequenten Updates (stündlich) verarbeitet.
5.2 Intelligente Substitutions-Algorithmen
Der größte Hebel für Effizienz liegt in der Automatisierung der Substitution. Wenn ein Artikel ausfällt, darf der Prozess nicht stoppen. Das ERP muss fähig sein, folgende Logik abzubilden – gefüttert durch die externe Datenbank:
- Trigger: PZN A (bestellt) hat Bestand 0 und Wiederbeschaffungszeit > 5 Tage.
- Abfrage Datenbank: Suche Wirkstoff-Gleichheiten zu PZN A.
- Filter 1 (Pharmazeutisch): Gleiche Wirkstärke, gleiche Darreichungsform (Tablette vs. Kapsel).
- Filter 2 (Regulatorisch): Ist PZN B Rabattpartner der Krankenkasse des Patienten? (Erfordert Übermittlung des Kassenschlüssels bei der Bestellung, was im MSV3-Protokoll möglich ist).
- Filter 3 (Verfügbarkeit): Hat PZN B Bestand im Lager?
- Ergebnis: Automatische Umbuchung auf PZN B oder Vorschlag an den Kunden: „A fehlt, möchtest du B (rabattiert, lieferbar)?“
Ohne die granularen Daten von pharmazie.com (Wer ist Rabattpartner? Was ist pharmakologisch äquivalent?) scheitert dieser Algorithmus schon bei Filter 1 oder 2.
5.3 Das MSV3-Protokoll als Transportvehikel
Die Kommunikation zwischen Apotheken-Software und Großhandel läuft über den Standard MSV3 (Marktstandard Vergabe). Dieser Standard erlaubt die Rückmeldung von Verfügbarkeitsinformationen.
Ein Großhändler, der eine Lieferengpass-Datenbank integriert hat, kann über MSV3 nicht nur „Nein“ (Defekt) senden, sondern qualifizierte Informationen. Zwar ist das Protokoll in der Textlänge begrenzt, aber moderne Implementierungen nutzen Textfelder für Hinweise wie „Herstellerdefekt – Import PZN 9876543 lieferbar“. Dies ist der direkte Draht in die Warenwirtschaft der Apotheke.
6. Ökonomische Analyse: ROI und Wettbewerbsvorteil
Investitionen in Dateninfrastruktur müssen sich rechnen. Die Kosten für Lizenzen (z.B. pharmazie.com Enterprise-Modelle) und Integration stehen konkreten Einsparungen und Erlösen gegenüber.
6.1 Prozesskostenrechnung: Der teure manuelle Eingriff
Jeder manuelle Eingriff in eine Bestellung (Touchpoint) kostet den Großhandel Geld. Branchenkennzahlen gehen von 5€ bis 15€ Prozesskosten für eine manuelle Klärung (Anruf, Rückruf, Recherche, Umbuchung) aus.
Bei einer Engpassquote von 5-10% und einem täglichen Volumen von zehntausenden Bestellzeilen summieren sich diese Kosten massiv.
- Beispiel: Ein mittelgroßer Großhändler mit 50.000 Bestellpositionen am Tag. 5% davon sind von Engpässen betroffen = 2.500 Positionen.
- Ohne Datenbank: 50% davon lösen Rückfragen aus = 1.250 Anrufe/Klärungen. Kosten à 5€ = 6.250€ pro Tag.
- Mit Datenbank & Auto-Substitution: Rate der manuellen Klärungen sinkt auf 10% (nur komplexe Fälle). Ersparnis = Tausende Euro täglich.
Die Amortisation einer Datenbanklizenz erfolgt somit oft innerhalb weniger Wochen.
6.2 Umsatzsicherung durch Lieferfähigkeit (Lost Sales Reduction)
Wenn der Großhändler „Nein“ sagt, kauft die Apotheke woanders (Zweitlieferant oder Direktbezug). Dies ist ein „Lost Sale“.
Wenn der Großhändler dank Datenbank sofort eine Alternative anbietet, rettet er den Umsatz.
Zudem verhindert die Datenbank „totes Kapital“: Wenn bekannt ist, dass ein Artikel dauerhaft „AV“ ist, kann der Lagerplatz sofort freigegeben werden, statt auf eine Lieferung zu warten, die nie kommt. Das Working Capital wird optimiert.
6.3 Der Wert der „Apothekenbindung“ (Customer Stickiness)
In einem Markt, in dem Produkte und Preise weitgehend homogen sind (durch AMPreisV), ist Service das Differenzierungsmerkmal. Apotheker stehen unter enormem Zeitdruck. Ein Großhändler, der ihnen das Problem „Lieferengpass“ abnimmt, indem er proaktiv Lösungen liefert, wird zum bevorzugten Partner.
Diese „Stickiness“ ist strategisch unbezahlbar. Großhändler können dies nutzen, um Premium-Services zu verkaufen oder sich als Systempartner für Apothekenkooperationen zu positionieren.
7. Strategisches Lieferengpass-Management: Best Practices
Basierend auf den Analyseergebnissen lassen sich klare Handlungsempfehlungen für das Management im Pharma-Großhandel ableiten.
7.1 Aufbau einer „Shortage Task Force“
Technologie allein reicht nicht. Es braucht organisatorische Verankerung. Erfolgreiche Großhändler etablieren interdisziplinäre Teams aus Einkauf, Vertrieb und IT, die das Thema Engpassmanagement steuern.
Die Lieferengpass Datenbank ist ihr zentrales Arbeitswerkzeug.
- Aufgabe: Wöchentliches Review der „Top 100 Engpass-Artikel“.
- Aktion: Festlegung von Substitutionsstrategien, aktive Kommunikation an den Vertrieb, Update der Webshop-Startseite.
7.2 Proaktives Bestandsmanagement (Pre-Stocking)
Nutzung der Daten für Predictive Analytics.
- Szenario: Die Datenbank meldet, dass ein großer Rabattvertrag für Metformin zum 01.01. wechselt. Erfahrungsgemäß ist der neue Hersteller in den ersten Wochen oft nicht voll lieferfähig.
- Maßnahme: Der Großhändler baut im Dezember strategische Bestände des alten Herstellers (oder eines dritten Generikums) auf, um die erwartete Lücke im Januar zu überbrücken.
Dies ist nur möglich, wenn die Daten zu Vertragswechseln (aus pharmazie.com Modulen) frühzeitig vorliegen.
7.3 Politisches Lobbying mit Daten
Der PHAGRO nutzt Daten, um gegenüber der Politik zu argumentieren. Großhändler können ihre eigenen Daten (anonymisiert) nutzen, um aufzuzeigen, dass Lagerpflichten ins Leere laufen, wenn die Industrie nicht liefert. Eine saubere Datenbasis ist die Voraussetzung für eine faktenbasierte Interessenvertretung in Berlin und Brüssel.
8. Ausblick 2025-2030: Die Zukunft der Versorgung
Der Blick in die Zukunft zeigt: Daten werden noch wichtiger.
8.1 European Shortages Monitoring Platform (ESMP)
Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) baut die ESMP auf. Nationale Insel-Lösungen werden zunehmend europäisiert.
Großhändler müssen sich darauf einstellen, Daten im europäischen Standard (SPOR-Datenmodell) zu liefern. Anbieter wie pharmazie.com, die internationale Referenzdaten pflegen, sind hierfür gut aufgestellt. Die Fähigkeit, eine deutsche PZN auf eine europäische ID zu mappen, wird zur Voraussetzung für den grenzüberschreitenden Warenverkehr, der zur Milderung von Engpässen beitragen soll.
8.2 Künstliche Intelligenz in der Disposition
Die nächste Evolutionsstufe ist KI. Algorithmen werden nicht mehr nur melden „Engpass ist da“, sondern „Engpass kommt in 3 Wochen mit 80% Wahrscheinlichkeit“.
Basis hierfür sind riesige Datenmengen: Wetterdaten (Grippewelle?), Rohstoffpreise, historische Ausfallmuster bestimmter Hersteller.
Wer heute seine Hausaufgaben macht und strukturierte Datenbanken integriert, schafft den „Data Lake“, aus dem die KI von morgen trinkt.
9. Fazit: Daten als Überlebensstrategie
Die Ära der stabilen Arzneimittelversorgung ist vorbei. Wir leben in einer Ära der Volatilität. Für den pharmazeutischen Großhandel ist dies Bedrohung und Chance zugleich. Bedrohung für das alte Geschäftsmodell des reinen „Kistenschiebens“. Chance für diejenigen, die sich als Informationsmanager profilieren.
Eine professionelle, tief integrierte Lieferengpass Datenbank für pharma Großhandel ist das zentrale Nervensystem dieser neuen Ausrichtung. Sie ist keine IT-Spielerei, sondern eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit zur Einhaltung des ALBVVG, zur Sicherung der Margen und zur Bindung der Kunden.
Die Lösungen von Anbietern wie pharmazie.com bieten hierfür den notwendigen Rohstoff: Veredelte, verknüpfte und technisch integrierbare Daten. Die Transformation vom Logistiker zum digitalen Versorgungsmanager ist alternativlos. Der Großhandel der Zukunft liefert nicht mehr nur Packungen. Er liefert Verfügbarkeitssicherheit – physisch und digital.
10. Glossar und technische Begriffsdefinitionen
Für das operative Verständnis sind folgende Termini essenziell:
- ABDA-Artikelstamm: Das offizielle Verzeichnis aller in deutschen Apotheken erhältlichen Artikel. Enthält PZN, Preise, rechtliche Einstufungen.
- ALBVVG: Gesetz zur Bekämpfung von Lieferengpässen (2023). Verschärft Lagerpflichten und Informationsrechte.
- Aut idem: („Oder das Gleiche“). Regelung, die den Austausch eines verordneten Arzneimittels gegen ein wirkstoffgleiches erlaubt/erzwingt (insb. bei Rabattverträgen).
- Defekt: Branchenjargon für „Ware beim Hersteller/Lieferanten nicht verfügbar“.
- Frühwarnsystem (§ 52b Abs. 3g AMG): Behördliches System beim BfArM zur Antizipation von Engpässen.
- Lauer-Taxe: Die digitale „Bibel“ der Apotheke. Enthält alle Abrechnungsdaten. Synonym für die Datenbasis, die auch pharmazie.com nutzt.
- MSV3: Marktstandard Vergabe, Version 3. Das technische Protokoll für die Bestellung Apotheke -> Großhandel.
- PZN: Pharmazentralnummer. Der 8-stellige Code, der jede Packung in DE eindeutig identifiziert.
- Rabattvertrag (§ 130a SGB V): Vertrag zwischen Kasse und Hersteller. Zwingt Apotheken zur Abgabe bestimmter Hersteller. Haupttreiber für Komplexität im Engpassfall.
- Vollversorger: Großhändler, der ein Vollsortiment führt und den gesetzlichen Sicherstellungsauftrag wahrnimmt (im Gegensatz zu Short-Linern oder Importeuren).
Referenzen
- Arzneimittelnachfrage und Lieferengpässe in Europa – IQVIA, Zugriff am November 27, 2025, https://www.iqvia.com/-/media/iqvia/pdfs/germany/publications/artikel-in-der-fachpresse/2022/iqvia-artikel-arzneimittelnachfrage-und-lieferengpaesse–in-europa-juli2022.pdf
- News Lieferengpässe bei Medikamenten sind eine große Belastung | TUM Klinikum Rechts der Isar, Zugriff am November 27, 2025, https://mri.tum.de/de/ueber-uns/pressemitteilungen/interview/lieferengpaesse-bei-medikamenten-sind-eine-grosse-belastung
- Pharmabranche und Großhandel kritisieren Arzneimittelengpassgesetz – News, Zugriff am November 27, 2025, https://www.aerzteblatt.de/news/pharmabranche-und-grosshandel-kritisieren-arzneimittelengpassgesetz-0f4ae19c-150b-41f1-b12d-d06faae7f11f
- § 52b AMG – Einzelnorm – Gesetze im Internet, Zugriff am November 27, 2025, https://www.gesetze-im-internet.de/amg_1976/__52b.html
- Medikamentenlieferengpässe in der Diskussion – Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Zugriff am November 27, 2025, https://www.iwkoeln.de/studien/jasmina-kirchhoff-medikamentenlieferengpaesse-in-der-diskussion-460951.html
- Faktenblatt Lieferengpässe – ABDA, Zugriff am November 27, 2025, https://www.abda.de/fileadmin/user_upload/assets/Faktenblaetter/Faktenblatt_Lieferengpaesse.pdf
- Veröffentlichte Lieferengpassmeldungen – PharmNet.Bund, Zugriff am November 27, 2025, https://anwendungen.pharmnet-bund.de/lieferengpassmeldungen/faces/public/meldungen.xhtml
- Beratungen zum ALBVVG: Lieferengpässe vermeiden – Infrastruktur des vollversorgenden pharmazeutischen Großhandels sichern!, Zugriff am November 27, 2025, https://www.phagro.de/pressemitteilungen/beratungen-zum-albvvg-lieferengpaesse-vermeiden-infrastruktur-des-vollversorgenden-pharmazeutischen-grosshandels-sichern/
- Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels e. V. (PHAGRO) – Bundesministerium für Gesundheit, Zugriff am November 27, 2025, https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/Stellungnahmen_WP20/ALBVVG/Bundesverband_des_pharmazeutischen_Grosshandels_e._V.__PHAGRO_.pdf
- Das Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungsgesetz (ALBVVG) – was steckt dahinter?, Zugriff am November 27, 2025, https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/das-arzneimittel-lieferengpassbekaempfungsgesetz-albvvg-was-steckt-dahinter
- Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und … – PHAGRO, Zugriff am November 27, 2025, https://www.phagro.de/standpunkte/arzneimittel-lieferengpassbekaempfungs-und-versorgungsverbesserungsgesetz-albvvg/
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- Do you know your way around the Lauer Taxe? – A quick-start help guide, Zugriff am November 27, 2025, https://germanmarketaccesssimplified.com/the-lauer-taxe/
- Ilapo – Pharmagroßhandel – Lieferengpass-Lösungen & Einzelimport, Zugriff am November 27, 2025, https://www.ilapo.com/
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